«

»

Aug 04

Aphorismus #199

Letztens konzertierten sechs lebende Engländer in der Weinbergkirche. Zum europäischen Ausgleich hier der allerdings schon verstorbene Franzose Charles Baudelaire mit einem seiner Gedichte:

„Der Wein des Einsamen“

Der sonderbare blick der leichten frauen
Der auf uns gleitet wie das weisse licht
Des mondes auf bewegter wasserschicht ·
Will er im bade seine schönheit schauen ·

Der lezte thaler an dem spielertisch
Ein frecher kuss der hageren Adeline
Erschlaffenden gesang der violine
Der wie der menschheit fernes qualgezisch –

Mehr als dies alles schätz ich tiefe flasche ·
Den starken balsam den ich aus dir nasche
Und der des frommen dichters müdheit bannt.

Du giebst ihm hoffnung liebe jugendkraft
Und stolz dies erbteil aller bettlerschaft ·
Der uns zu helden macht und gottverwandt.

Aus dem Französischen von Stefan George 

„Le Vin du solitaire“

Le regard singulier d’une femme galante
Qui se glisse vers nous comme le rayon blanc
Que la lune onduleuse envoie au lac tremblant,
Quand elle y veut baigner sa beauté nonchalante ;

Le dernier sac d’écus dans les doigts d’un joueur ;
Un baiser libertin de la maigre Adeline ;
Les sons d’une musique énervante et câline,
Semblable au cri lointain de l’humaine douleur,

Tout cela ne vaut pas, ô bouteille profonde,
Les baumes pénétrants que ta panse féconde
Garde au coeur altéré du poète pieux ;

Tu lui verses l’espoir, la jeunesse et la vie,
– Et l’orgueil, ce trésor de toute gueuserie,
Qui nous rend triomphants et semblables aux Dieux !

Und Baudelaire glaubte: Der Wein bringe nur das zutage, was ohnehin in einem steckt: Schlechte Menschen werden unausstehlich, gute Menschen werden unübertrefflich.