«

»

Okt 18

Aphorismus zum Tage # 139

Nun können wir mitteilen, beim Riesling lagen wir mit drei Oechsle, beim Traminer mit vier Oechsle und beim Weißen Burgunder mit sechs Oechsle über dem Pillnitzer Durchschnitt der Winzer, die Mitglieder der Winzergenossenschaft Meissen sind. Auch von der Menge her waren wir dieses Mal richtig zufrieden, wenngleich beim Riesling viel Fäule auszulesen war.

Nicht überall waren Winzer zufrieden oder hatten vielerorts viel mehr als sonst Grund zur Klage. Das ist schlimm, wenn mit dem Verdienst der Ernte auch Brot und Wasser im nächsten Jahr eingekauft und bezahlt werden müssen. Aber nichts Neues bei so einer kapriziösen Frucht wie schon Georg Weerth in seinem  Gedicht aus dem betrüblichen Herbst von 1843 wusste.

 

Der Wein ist nicht geraten
Was hab ich doch vernommen
Für große Traurigkeit!
Es ist ins Land gekommen
Gar eine schlimme Zeit!
Der Wein ist nicht geraten
An Mosel, Rhein und Lahn,
Und was die Winzer taten,
Das ist umsonst getan!
Es pflanzte seine Reben
Ein jeder nett und fein;
Er dachte: Gott wird geben
Den lichten Sonnenschein,
Der fern die Wolke lenket,
Daß sie sich rauschend senkt,
Auch unsrer Hügel denket
Und frischen Tau uns schenkt.
Und oft zur Morgenstunde
Kam Mai und Juni drauf
Die irdne Pfeif im Munde,
Stieg er den Berg hinauf;
Und froh war sein Gemüte,
Wenn von der Felsenwand
Die erste junge Blüte
Den süßen Duft gesandt.
Wenn sich zu voller Traube
Die Beeren angesetzt
Und in dem grünen Laube
Ein Schimmern war zuletzt:
Als säh man herrlich prangen
Des Goldes hellen Schein,
Als wär der Berg behangen
Rings mit Rubinenstein!

Pillnitzer Königlicher Weinberg (Foto: Renate Lehmann)

»Gott ist mir gut gewesen!«
So klang des Winzers Lied;
»Bald werd ich lustig lesen,
Was mir der Herr beschied!
Ein schöner Erntemorgen
Bricht in den Dörfern an,
Vorbei nun Gram und Sorgen,
Ich bin ein froher Mann!«

 

Er sprach’s. Da zog mit Stürmen
Der kalte Herbst daher:
Er sah die Wolken türmen
Sich rings so regenschwer.
Verschwunden ist sein Hoffen!
Das kurze Glück ist aus!
Von hartem Schlag getroffen
Geht weinend er nach Haus!

Riesling am Pillnitzer Weinberg

Du wirst die Hände legen
Nicht an die Kelter dein!
Nun träuft des Weines Segen
Nicht in dein Faß hinein!
Du wirst kein Lied mehr singen!
Kein Brot und wärmend Kleid
Wirst du den Kindern bringen,
Ist alles rings verschneit!
Drum, die ihr in den Städten
Nach vollen Schüsseln langt,
Die ihr mit güldnen Ketten,
Mit Kreuz und Sternen prangt,
Die ihr den Nierensteiner
Im tiefen Keller habt
Und oft mit Ingelheimer
Die durst’gen Kehlen labt,
Die ihr im schmucken Saale
Aus grünen Römern zecht,
Des Morgens Speciale,
Am Abend Schoppen stecht,
Die ihr bei Lust und Scherzen
Verjubelt Nacht auf Nacht
Denkt, daß mit schwerem Herzen
Manch armer Winzer wacht!
Denkt, daß zu allen Tagen,
Denkt, daß bei uns von je
Man immer hörte sagen:
»Nur Wohl und Keinem Weh!«
Und laßt das Scherflein springen
So lustig an den Rhein,
Wie ich dies Lied tät singen
Frei in die Welt hinein!

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Follow

Get every new post on this blog delivered to your Inbox.

Join other followers: